Geschichte des Asbestverbots

Die industrielle Nutzung von Asbest begann in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Arbeiterinnen und Arbeiter versanken förmlich im Asbest und die Sicht in den Arbeitsräumen betrug durch den aufgewirbelten Staub nur wenige Meter. Sie starben häufig bereits nach wenigen Jahren an "Schwindsucht", wie die damalige Diagnose lautete. Um 1900 wurden die krankmachenden Eigenschaften von Asbestfasern wissenschaftlich erkannt.  

 

In den 30er Jahren mehrten sich dann die Erkenntnisse. Bereits 1936 wird Asbestose in Deutschland Berufskrankheit. In den 40er Jahren kam die Erkenntnis hinzu, dass Asbest auch zu vermehrter Tumorbildung im Bereich der Lunge führen kann. 1943 wird der asbestbedingte Lungenkrebs als Berufskrankheit anerkannt.

Was geschah angesichts dieser frühen Warnungen auf dem Gebiet des Arbeitsschutzes und der Vorbeugung? Zunächst nichts. Im Gegenteil, nach der umfangreichen Verwendung im Rahmen der Kriegsproduktion nahm der Asbestverbrauch in den Nachkriegsjahren rapide zu. Asbest wurde trotz der bekannten Gefahren in unzähligen Bereichen der Industrie und des Handwerks verarbeitet. Der Asbestverbrauch stieg im Wiederaufbau Nachkriegsdeutschlands rapide an. Der Verbrauch von 100.000 Tonnen 1960 verdoppelte sich nochmals bis 1970. Gleichzeitig wird auf der anderen Seite des Erdballs, um 1960, in Südafrika, das Mesotheliom als asbestbedingter Tumor entdeckt

Während in Deutschland Asbest als das Material der tausend Möglichkeiten gefeiert wird, beginnen erste Asbestopfer in den USA bereits erfolgreich gegen Asbestkonzerne zu klagen. Auch Werksärzte und Aufsichtsbehörden wurden dort schon zu hohen Entschädigungssummen verurteilt. In Deutschland geben die Berufsgenossenschaften erste unverbindliche Hinweise zum Schutz vor Asbeststaub.

Die 50er, 60er Jahre waren eine Zeit der uneingeschränkten Technikeuphorie. In allen politischen Lagern galt der Konsens: Technischer Wachstum bedeutet Wachstum der Sozialprodukts und Wachstum der Lebensqualität. Umweltschutz und Ökologie bekommen erst Ende der 70er Jahre in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert. Die Asbestindustrie nutzte alle Möglichkeiten, um ein Asbestverbot zu verhindern und die Gefahren herunterzuspielen: Sie tat dies durch Einflussnahmen auf die Forschung und Wissenschaftler, durch öffentliche Kampagnen und Klagen gegen Asbestgegner. Sie bindet willfährige Wissenschaftler, wie den führenden Arbeitsmediziner Helmut Valentin ein, um der „Asbesthysterie“ zu begegnen (Elsner, Gine, Konstitution und Krankheit. Der Arbeitsmediziner Helmut Valentin (1010-2008) und die Erlanger Schule, S.44ff Lobbyist der Asbestindustrie. Siehe auch: Roselli, Maria, Die Asbestlüge, Schweiz 2007).

Die Asbestwirtschaft formierte sich auch international, um durch gezielte Kampagnen drohende Asbestverbote zu verhindern.

Nachdem der damalige Innenminister Baum 1981 aufgrund eines Berichts des Bundesumweltamtes ein Asbestverbot gefordert hatte, spitzt sich die öffentliche Auseinandersetzung zu.

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Aus: Hannoversche Allgemeine Zeitung – Leine Zeitung vom 7.3.81. Entnommen aus: Albracht/ Schwerdtferger: Herausforderung Asbest, 1991

Ausstieg aus der Asbestverarbeitung

Der Ausstieg aus der Asbestverarbeitung erfolgt aufgrund des Drucks der Wirtschaft nur schrittweise. 1973 wurden erstmals detaillierte Regelungen für den Bereich des Asbeststaubes erlassen. 1979 wurde das Asbestspritzverfahren verboten. Der Asbestverbrauch konnte erst im Rahmen der Arbeitsstoffverordnung durch den umfangreichen Einsatz von Ersatzstoffen in den 80er Jahren erheblich gesenkt werden.

Vor einem Vierteljahrhundert wird der Umgang mit Asbestopfern verstärkt diskutiert, die Bundesregierung räumt erstmals eine hohe Dunkelziffer ein. Die Zahl der asbestbedingten angezeigten Berufskrankheiten ist exzeptionell, die Zahl der anerkannten Fälle verläuft linear. Bereits Mitte der 80er werden die heute immer noch nicht realisierten, aber immer noch diskutierten eingeführten Beweiserleichterungen im Unfallversicherungsrecht gefordert.

„Ein weiteres Problem liegt in der Begutachtung von Asbestschäden. Nach unserem Rechtssystem hat der Patient, eventuell mit Unterstützung durch einen juristischen oder medizinischen Beistand, die ursächliche Beziehung zwischen beruflicher Einwirkung und Erkrankung zu beweisen. Ich meine, daß das von einem Arbeiter, der viele Jahre seine Haut zu Markte getragen hat, zuviel verlangt ist. Deshalb muß über die Umkehr der Beweislast verstärkt diskutiert werden. Als Zwischenlösung muß über eine Beweiserleichterung im Berufskrankheitenverfahren für weit zurückliegende Einwirkungen nachgedacht werden. Es darf nicht auf dem Rücken der Asbestkranken ausgetragen werden, daß nach 20 30 Jahren keine Aufzeichnungen mehr über die Asbestbelastung vorliegen“. 
Armin Clauss (SPD, IG Metall), Hessischer Sozialminister von 1976 bis 1987, Bericht zur Fachtagung „Asbest-Spätschäden“, Bad Nauheim, 3. September 1986.

 

Armin Clauss aif dem SPD-Kongress in Bad Nauheim

Prof. Dr. med. Hans-Joachim Woitowitz, hier auf dem SPD-Kongress „Gesund Umwelt- Gesünder Leben im August 1988, hat als Wissenschaftler, diese Entwicklungen unermüdlich mit vorangetrieben. Er ging diesen Weg trotz vielfacher Anfeindungen durch die Asbestlobby und auch gegen erheblichen Widerstand aus Kollegenkreisen. H.-J. Woitowitz konnte Ende der 1960er-Jahre erstmalig betriebsnah eingehende arbeitsmedizinisch-epidemiologische Untersuchungen zu den unmittelbaren Gesundheitsrisiken durch Asbest durchführen (X. Baur Asbest. Kampf um effektiven Arbeitsschutz, Verwendungsverbot und Kompensation der Opfer, Zbl Arbeitsmed 9/2015)

Zögerlich wurden die für die Verhütung der Asbestose geltenden Arbeitsplatzgrenzwerte schrittweise reduziert, bis 1993 das Verbot der Asbestproduktion und Asbestverwendung durchgesetzt werden konnte.

Seit 2005 gibt es nun in der gesamten EU ein totales Verbot für die Herstellung, das Inverkehrbringen und die Verwendung von Asbest. Doch Unternehmen in anderen Ländern, in Asien oder Russischen Föderation nutzen diesen Wettbewerbsvorteil.

Heute hat die Industrie mit Asbestersatzstoffen neue Märkte gefunden. Branchen wie Metallindustrie, Baugewerbe, Chemie , Elektrotechnik sind durch die berufsgenossenschaftliche Haftung mit höheren Beitragszahlungen konfrontiert.