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Grundlagen der Begutachtung

Gutachten müssen der aktuellen Wissenschaftlichen Leitlinie und dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand entsprechen. Die für die Begutachtung von Asbestopfern zugrundeliegende wissenschaftliche Leitlinie ist zurzeit in der Überarbeitung, gegenwärtig gilt noch die: „S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Begutachtung asbestbedingter Berufskrankheiten“. Wissenschaftliche Leitlinien werden von Medizinern und Wissenschaftlern weiterer betroffener Fachdisziplinen unter Mitwirkung von Patientenvertretern und Juristen der haftenden Versicherung, d.h. der Berufsgenossenschaft nach festgelegten Regeln erstellt, um Standards in Diagnostik, Behandlung und in diesem Fall auch Begutachtung zu setzen. Leider wird nicht in jedem Gutachten die wissenschaftliche Leitlinie zur Grundlage genommen.

Darüber hinaus gibt es das Handbuch "Falkensteiner Empfehlung" der Berufsgenossenschaften für die Begutachtung asbestbedingter Erkrankungen. Die Inhalte der wissenschaftlichen Leitlinie sind weitestgehend in diese Empfehlung eingegangen; allerdings gibt es hier auch einige bemerkenswerte Abweichungen, zum Beispiel hinischtlich der angeblich im Deutschen Mesotheliomregister nachgewiesenen Asbestfaser Zahlen in Lungengewebe. Auch die Falkensteiner Empfehlung ist von einem Gremium erstellt worden, in dem Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen und Juristen mitwirkten, aber im Gegensatz zur wissenschaftlichen Leitlinie durften Patientenvertreter ausdrücklich nicht dabei sein und im Gegensatz zum Leitliniengremium bestand hier die Zusammensetzung überwiegend aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berufsgenossenschaft.

Zur Problematik von Gewebeuntersuchungen und Faserzählungen

„Die umfassende ärztliche Arbeitsvorgeschichte ist unverzichtbarer Bestandteil der gutachterlichen Befragung des Versicherten „Sämtliche Tätigkeiten im Arbeitsleben des Versicherten, einschließlich Bystander-Expositionen, sind hinsichtlich einer möglichen Asbestexposition kritisch zu hinterfragen“. Ebenso sind die eingesetzten Arbeitsstoffe einschließlich möglichst genauer Produktbezeichnungen zu erfragen, um Hinweise auf die verwendete Asbestart zu erhalten“ (siehe Wissenschaftliche Leitlinie und Berufsgenossenschaftliche Falkensteiner Empfehlung (Vorgaben zur BK 4104: S. 43)

Die Diagnose von asbestbedingten Erkrankungen basiert zu allererst auf der Arbeitsgeschichte des Erkrankten (Arbeitsanamnese), dem Krankheitsbild (klinischen Befunden) und dem Krankheitsverlauf. Die Untersuchung von Körpergewebe, die Pathologie-Diagnostik, gehört nicht zu den geforderten Untersuchungsverfahren bei gutartigen asbestbedingten Erkrankungen, eine Gewebeentnahme nur zum Zwecke der Begutachtung ist obsolet. Die pathologische Diagnostik und die Faseranalyse haben nur eine sehr begrenzte Aussagekraft über die tatsächliche Asbestbelastung. Nicht selten führten falsch negative Ergebnisse in pathologischen Befunden zur Ablehnung der Anerkennung einer Berufskrankheit, obwohl die Arbeitsgeschichte, also die Arbeitsanamnese, die berufliche Erkrankung gut begründet haben.

Chrysotil

In Deutschland wurde zu über 90% Weißasbest (Chrysotil) verwendet. Chrysotil ist nicht biobeständig und kann von daher im Gewebe nach Jahrzehnten nicht mehr aussagefähignachgewiesen werden. Dennoch hat es seine schädigende und krebserzeugende Wirkung im Körper entfaltet. Dies ist vielfach nachgewiesen und wird selbst von der EU bestätigt. Aber in der Begutachtung wird der fehlende Fasernachweis im Körpergewebe als Grundlage der Argumentation für eine Ablehnung einer Begutachtung genommen. Es wäre so, als würde eine Alkoholleber nicht als solche diagnostiziert werden, weil der Patient zum Zeitpunkt der Untersuchung nüchtern ist.

Praxis des Mesotheliomregisters

Das Mesotheliomregister stützt seine Argumentation großteils auf Veröffentlichungen der US-amerikanischen Wissenschaftler  David M.Bernstein und Victor L. Roggli, die von der Asbestindustrie mit Millionenbeträgen finanziert worden sind und die die Gefährlichkeit von Weißasbest (Chrysotil) leugnen. Mehr dazu....

Die vom Mesotheliomregister verwendete sogenannte Roggli-Pratt-Modifikation der Asbestose schränkt die Anerkennung der Asbestose ein, weil der fehlerbehafteten Faserbelastung ein hohes Gewicht beigemessen wir. Die zu geringe Faserbelastung wird als sogenanntes Abschneidekriterium benutzt, d.h. eine Anerkennung wird ausgeschlossen.

In den USA hat ein Gericht verfügt, dass Studien von Roggli in Asbestverfahren nicht herangezogen werden dürfen, weil sie von Interessengruppen finanziert sind. In Deutschland dienen sie noch dazu, Rechte von Asbestopfern abzuwehren.
Baur X: Sozialjuristische und wissenschaftliche Kontroversen sowie Fehlinterpretationen im Kontext mit der welltweiten Asbest-Tragodie- Was ist daraus zu lernen. Pneumologie 11/2015

Wann eine Lungenerkrankung als Asbestose bezeichnet werden kann, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Der vom Mesotheliomregister verfolgte Ansatz ist gegenüber anderen weniger differenziert und nicht von anderen Wissenschaftlern überprüft (Review-Verfahren).
Eine andere Asbestose-Bestimmung, das NIOSH-CAP Verfahren, wird von der Mehrheit unabhängiger Wissenschaftler unterstützt. Es misst der Asbestkörperchenzählung keine wesentliche Bedeutung bei (Asbestkörperchen sind quasi Abstoßungsversuche des Körpers auf Asbestfasern) Auch hier bezieht sich das Mesotheliomregister wieder auf den von der Asbestindustrie finanzierten Roggli und Pratt (siehe auch Position des Collegium Ramazzini).

Interessenkonflikte

Eine höhere Zahl von Anerkennungen von Asbestkranken führt zu mehr Kosten bei den Berufsgenossenschaften und in der Konsequenz zu höheren Beiträgen für die versicherten Unternehmen. Bei der Erstellung der Wissenschaftlichen Leitlinie und mehr noch bei der Falkensteiner Empfehlung haben Vertreter und Vertreterinnen, die in einem Dienst- oder Vertragsverhältnis (als Gutachter oder zu Berufsgenossenschaften stehen, wesentlichen Einfluss nehmen können. Auch wenn das Selbstverständnis des Einzelnen ein anderes ist, und er oder sie sich unabhängig fühlt, ist belegt, dass sich ein finanzielles Abhängigkeitsverhältnis auf das Verhalten auswirkt.

Arbeitsmedizin: eine unabhängige Wissenschaft?

Nicht nur in Deutschland gibt es Stimmen, die die Arbeitsmedizin hierzulande als unhängige Wissenschaft in Frage stellen: Die von Arbeitgebern finanzierten Berufsgenossenschaften haben gemeinsam mit ihrer Dachorganisation, der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung e.V. (DGUV e.V.) nicht nur eine starke Stellung im Arbeitsschutz, sondern, so will es der Gesetzgeber, auch in der arbeitsmedizinischen Forschung. Natürlich ist es richtig, zu sagen: Die Menschen sind am Arbeitsplatz krank geworden, also soll auch unternehmensseitig die Forschung dazu mitfinanziert werden. Das Problem ist, dass die Vergabe von Forschungsmitteln nicht in einem transparenten validierten Verfahren läuft, wie z.B. bei der EU, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), oder dem Bundesministerium für Bildung und Forschen (BMBF) sondern Mittel nicht ausgeschrieben und gezielt an bestimmte Personen oder Institutionen vergeben werden. Damit spielt die Beziehungsebene eine wichtige Rolle bei der Vergabe dieser Forschungsmittel. Dies trifft auf eine Situation, in der die universitäre Arbeitsmedizin seit vielen Jahren finanziell ausgedünnt wird und sich wissenschaftliche Karrieren und wissenschaftliche Reputation nur über berufsgenossenschaftlich finanzierte Forschung realisieren lassen. Aus diesen wissenschaftlichen Kreisen kommt dann auch die ganz überwiegende Zahl der arbeitsmedizinischen Gutachterinnen und Gutachter in den Berufskrankheitenverfahren, ebenso ein Großteil der Mitwirkenden in den berufsgenossenschaftlichen Empfehlungen mit eben diesen Abhängigkeiten.

Also mit anderen Worten: Die für Asbestopfer haftende Versicherung, die Berufsgenossenschaften, haben die wesentlichen "Instrumente" in der Hand, die Zahl der Anerkennungen in Berufskrankheitenverfahren zu steuern. Gleichzeitig sind sie als Versicherung zu wirtschaftlichen Handeln verpflichtet und dazu, die Beiträge der sie finanzierenden Arbeitgeber möglichst gering zu halten.

Die Geschichte lehrt uns, wie wichtig hier Wachsamkeit und Sensibilität sind.

Wissenschaftler haben sich nicht nur in der Vergangenheit von der Asbestindustrie kaufen lassen und zur Verharmlosung des Stoffes beigetragen. Dies hat das Asbestverbot verzögert, die Asbestindustrie konnte weiter Geld verdienen. Dafür zahlten und zahlen die arbeitenden Menschen heute mit dem Leben und ihrer Gesundheit (Geschichte des Asbestverbotes).