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  • Niedrige Anerkennungsquote bei asbestbedingtem Lungenkrebs

Belege und Gründe für die niedrige Anerkennungsquote

Weltweit gilt das nur durch Asbest ausgelöste Mesotheliom als Signaltumor von Gefährdungen durch Asbestfaserstaub. Die Mesotheliomhäufigkeit ist daher ein geeigneter Maßstab, um die asbestbedingten Lungenkrebsfälle zu bestimmen. Im Gegensatz zum Mesotheliom kann Lungenkrebs andere Ursachen als Asbest haben (vor allem Rauchen). Aber die Anzahl der durch Asbest verursachtem Lungenkrebsfälle kann über die Zahl der aufgetretenen Mesotheliomfälle hergeleitet werden. Weltweite arbeitsmedizinisch-epidemiologische Ergebnisse zeigen dies übereinstimmend (H. – J. Woitowitz und Mitarb.: Das Mesotheliom, ein Signaltumor der beruflichen Asbeststaubgefährdung. Dtsch. med. Wschr. 10 (1984) 363-368).

Bereits 1981 stellten Wissenschaftler (C & A McDonald) anhand von 30 arbeitsepidemiologischen Studien fest: Auf 1 Mesotheliom-Todesfall entfallen etwa 2,4 Todesfälle von asbestbedingtem Lungenkrebs (1 : 2,4 ). 2012 wird anhand weiterer 55 Studien das Verhältnis Asbestlungenkrebs zu Asbestmesotheliom auf mindestens 2:1 ermittelt.

Für die Bundesrepublik Deutschland wurden für die Jahre 2002 - 2011 6.937 Mesotheliomtote und 5.756 Asbestlungenkrebstote gezählt. Hochgerechnet nach den obigen wissenschaftlichen Ergebnissen müssten es aber mehr als doppelt so viele Fälle sein. Das Verhältnis ist in der offiziellen Statistik in Deutschland mehr als umgekehrt. Auf einen Mesotheliomtoten werden nur 0,83 Fälle von asbestbedingtem Lungenkrebs gezählt.

Das gleiche gilt entsprechend für die Anerkennung in Berufskrankheitenverfahren: Für die Jahre 2002-2011 sind 7.895 Fälle von Asbestlungenkrebs (4104) und 9.306 Asbestmesotheliome (4105) anerkannt worden. Nach dem Verhältnis 2:1 müssten es jedoch 18.612 Fälle an asbestbedingtem Lungenkrebs sein.

Während in Frankreich die Anerkennung des asbestdingten Lungenkrebs seit Mitte der 90er Jahre steil nach oben geht, ist in Deutschland eine geläufige Entwicklung zu sehen.

Wo liegen die wesentlichen Gründe für dieses Unrecht?

Seit 1992 wird auch ohne Diagnose einer Asbestose Asbestlungenkrebs im Berufskrankheitenverfahren anerkannt, wenn die Einwirkung einer kumulativen Asbestfaserstaubdosis am Arbeitsplatz von mindestens 25 Asbestfaserjahren nachgewiesen werden kann. Hierfür ist die fachärztlich und sicherheitstechnisch zweifach korrekt erhobene Arbeitsvorgeschichte unabdingbar, d. h. (BGBl. I, S. 2343 – 2344).

In Deutschland wird die amtlich vorgegebene qualifizierte Arbeitsvorgeschichte der Asbestopfer seit 1973 1000-fach vom sog. Mesotheliomregister der Berufsgenossenschaften ersetzt durch Asbestkörperchen-Zählungen in der Lungenasche. Für den bei uns verwendeten Weißasbest sind derartige Asbestkörperchen- Zählungen als Beweismittel wissenschaftlich widerlegt (Fahrerfluchtphänomen!).Die Fasern sind nicht biobeständig und sind nach einer gewissen Zeit nicht mehr vorhanden, dennoch haben sie ihre krebsauslösende Wirkung entfaltet.

Für den asbestbedingten Lungenkrebs (BK 4104) liegt hierin die Hauptursache der mit ca. 80 Prozent, zu hohen Renten-Ablehnungsquote. Die obige Praxis steht zumeist auch in klarem Widerspruch zur wissenschaftlichen Leitlinie 2010 der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Deutschland: Mesotheliomerkrankungen durch Asbest
Bundesrepublik Deutschland: Lungenkrebs durch Asbest

Ein Beispiel für die Auswirkungen derartiger „Lungenstaubanalysen“ des sog. Mesotheliomregisters ist folgender Fall:

z. B. am 15.04.2011. In zwei Proben von je 0,2 Gramm Lungengewebe (!) „jeweils, wenn überhaupt weniger als acht Asbestkörper, in der ersten Probe, aber 44 und in der zweiten Probe sieben Strukturen mit nicht identifizierbarer Zentralfaser“ Diagnose: „Idiopathische pulmonale Fibrose (UIP)“ (d.h. eine Lungenfibrose unbekannter Herkunft E.G.). Fachpathologische Beurteilung des Mesotheliomregisters: Keine oder allenfalls Hinweise auf eine geringfügig vermehrte Asbestbelastung. Eine Berufserkrankung nach Ziffer 4103 (Asbestose, Lungenfibrose, Erkrankung der Pleura) der Berufskrankenheitenverordung sei nicht ableitbar.

Demgegenüber stand die sicherheitstechnische Feststellung, in der mehr als 25 Asbestfaserjahre ermittelt wurde!

Der Ablehnungsbescheid der Berufsgenossenschaft wurde durch ein Sozialgerichtsurteil richtig gestellt: Schwerste Lungenasbestose mit erforderlicher Lungentransplantation

Obige Ausführungen basieren auf dem Vortrag „Die Verlassenheit ehemals asbestgefährdet Beschäftigter mit Lungenkrebs: Entscheidet das „Mesotheliomregister“ gegen die epidemiologischen Erkenntnisse? Univ.-Prof. em. Dr. med. Hans-Joachim Woitowitz, Direktor des Instituts und der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin a. D auf dem Workshop des Bundesverbandes der Asbestose-Selbsthilfegruppen am 23. Juni 2014 in Köln.